Lächeln hinterSchirmen
Ein Monat in Japan – und die Fragen, die er hinterlässt
Februar – März 2026

„Japan ist so ein vielfältiges Land – aber warum lächeln alle immer so?“ Das war einer meiner ersten Gedanken, als ich im Februar ankam. Nicht kritisch gemeint, eher staunend. Als würde man eine Tür öffnen und dahinter ein Licht vorfinden, das man nicht erwartet hatte.
Ich hatte nicht geplant, Tagebuch zu schreiben. Ich schreibe kein Tagebuch. Und trotzdem fand ich mich nach den ersten Tagen mit einem Heft in der Hand wieder, auf den Stufen eines Tempels sitzend, und schrieb. Japan brachte mich dazu. Dieses Land hat etwas, das einen zwingt, innezuhalten – als wäre es zu viel, um es einfach nur zu erleben und wieder zu vergessen.
Die Japaner sind eine Regenschirmgesellschaft – sie schützen sich und die anderen, leise und ohne Aufhebens.
Einen Monat verbrachte ich dort, von Februar bis März 2026, und die Zeit verlief in alle Richtungen gleichzeitig. Manche Tage fühlten sich wie Wochen an – dicht, vollgesogen mit Eindrücken, Gerüchen, Klängen. Andere verflogen, bevor ich überhaupt begriffen hatte, wo ich mich befand.

Osaka und Tokio: kaum zu glauben, dass es dasselbe Land ist. Osaka lebt in seinen Gassen, rau und ehrlich, mit Gerüchen von Takoyaki und dem Lärm von Spielhallen um Mitternacht. Tokio hingegen ist so sauber, so geordnet, dass es beinahe surreal wirkt. Beides fasziniert. Beides befremdet. Beides zieht an.
Die Menschen lächeln. Und sie verstecken sich dabei – nicht aus Kälte, sondern aus Respekt. Was nach außen gezeigt wird, ist sorgfältig gewählt, das Innere geschützt. Das Bild stimmt, vollkommen und absichtlich. Freundlichkeit nicht als Reflex, sondern als Haltung. Ich habe selten etwas so Konsequentes gesehen.

Ich wurde von den Tempeln angezogen. Von der Stille in ihnen, dem Weihrauch, der in den Himmel steigt wie ein geduldiges Gebet. Wir waren im Februar und März dort – noch vor dem Höhepunkt der Kirschblütenzeit, und trotzdem: das erste Rosa zeigte sich bereits an manchen Ästen, zögerlich und wunderschön. Japan ist äußerst blumig – und das nicht nur wegen der Kirschblüten.


Und dann der 7-Eleven. Der Lawson. Mit Onigiri um drei Uhr morgens, fluoreszierendem Licht, und dem Gefühl, dass das auch irgendwie heilig ist – auf eine ganz andere Art. Japan versteht es, das Alltägliche mit einer solchen Selbstverständlichkeit aufzuladen, dass es aufhört, banal zu sein.

Und dann der Fuji selbst. Er erscheint unvermittelt, aus dem Zug heraus, zwischen Häusern und Wolken. Ein Berg, der einem nicht erlaubt, ihn zu ignorieren. Am See Kawaguchiko saß ich lange und schaute ihn an, bis ich das Gefühl hatte, er schaut zurück.
Ich bin zurückgekommen mit vollem Gepäck, einem vollgeschriebenen Heft und der stillen Überzeugung, dass ich noch nicht fertig bin mit diesem Land. Japan hat mich nicht losgelassen. Und ich glaube, das ist Absicht.